1915 – 1925 Lebenserinnerungen Friedrich Rothermund Meine Schulzeit in Lemmie

Im Kriegsjahr 1915 wurde ich in Lemmie eingeschult. Ich war seit langem auf diese Veränderung in meinem Leben vorbereitet. Es waren nicht nur die Hinweise meiner Mutter. Auch August Knickmeyer und die älteren Jungens aus meinem Bekanntenkreis machten mich neugierig auf die Schule. Es sollten da ja für mich völlig unbekannte Gepflogenheiten herrschen und vor allem, der alte Schulmeister – Herr Stünkel – würde nicht lange bei Unaufmerksamkeiten und ähnlichen Dingen drohen, sondern gleich mit dem Stock strafen. Das beeindruckte mich nun ganz und garnicht. Ich kannte ja den Herrn Stünkel. Häufig war er dem Vater und mir bei Spaziergängen in der Feldmark begegnet, und außerdem hatte Vater doch, solange er noch zu Hause war, abends bei Gastwirt Garben Karten mit ihm gespielt. Der würde mich mit dem Stock nicht strafen. Doch selten bin ich in meinem Leben einem größeren Irrtum aufgesessen. Zum Weihnachtsfest 1914 hatte ich mir einen Schulranzen – wir sagten damals dazu Tornister -, eine Fibel, eine Schiefertafel mit Schwamm und Wischlappen sowie einen „Penal“ (Griffelkasten) mit entsprechendem Inhalt gewünscht. Der Weihnachtsmann hatte alle Dinge gebracht, bis auf den Tornister. Es war ja Krieg. Mutter, die sonst vieles herbeischaffte, war es nicht möglich gewesen, ein ihren Vorstellungen entsprechendes Stück zu erwerben. Mich hat das wohl nicht besonders beeindruckt, denn an dieses erste Weihnachtsfest ohne den Vater habe ich keine Erinnerung. Mir muß es jedenfalls genügt haben, dass der Osterhase dieses Stück noch rechtzeitig bringen würde. Und er brachte es. Es war ein Prachtexemplar. Vater hatte das Leder dazu noch in Belgien beschafft. Für die Innenausstattung hatte Mutter selbstgewebtes Linnen aus ihrer Aussteuer geopfert. Das „Arschleder“ von der Bergmannsuniform des Vaters wurde zur Deckelklappe verarbeitet, und gefertigt ist das gute Stück in den Werkstätten des Eisenbahnausbesserungswerkes Leinhausen, wo Onkel Clemens Brodmann als Werkmeister tätig war und einen Sattler zur Hand hatte.

Der erste Schultag verlief nun aber garnicht programmmäßig. Nachdem ich am Vorabend noch einmal ordentlich geschrubbt und mit viel Wasser und Seife im Waschbottich gebadet worden war, durfte ich am nächsten Morgen zum ersten Mal meinen neuen Schulanzug, die neuen blauen Söckchen und die schönen braunen Sandalen, auf die ich ganz besonders stolz war, anziehen. Mutter wollte mich zur Schule bringen; doch während sie sich im Schlafzimmer zurecht machte, stürmten meine Freunde Otto Busche, Schorse Otte und Ernst Wullkopf auf den Hof, um mich zum Schulgang abzuholen. Ich vergaß alle Hinweise der lieben Mutter und lief mit ihnen fort – zur Schule. Es war eine einklassige Volksschule, in der alle Kinder – etwa 40 – gemeinsam unterrichtet wurden. Sie war in drei Gruppen aufgeteilt: „Fibel“, „Kleines Lesebuch“ und „Großes Lesebuch“. Wir Anfänger – 5 Jungen und 4 Mädchen – wurden nun von dem Lehrer aufgerufen und in der Altersreihenfolge auf die Plätze eingewiesen. Mädchen und Jungen getrennt. Zuerst die Übergänger, das waren die in 1908 nach dem 1. Juli geborenen und dann die aus dem 1. Halbjahr des Jahres 1909. Die ersten Plätze nahmen die Sitzengebliebenen – Heini Paulmann und „Prömchen“ Kniggendorf ein. Dann kam Schorse Otte, der plötzlich Georg gerufen wurde. Es folgte Otto Busche, der im Oktober geboren und dann hätte ich folgen müssen. Doch als nächster wurden dann Ernst Wullkopf und Helmut Schlenkermann in die Reihe gesetzt und dann kamen in die andere Bank die Mädchen. „Wer bist Du denn?“ fragte mich dann Herr Stünkel. Ich wusste darauf nichts zu sagen, denn er kannte mich doch. Weshalb fragte er noch danach? Und dann wollte er noch Tauf- und Impfschein von mir haben. Auch diese Papiere hatte ich nicht; davon wusste ich überhaupt nichts. Ich konnte mich aber doch noch setzen, zwar auf den letzten Platz in der Jungen-Reihe, was mir aber garnicht passte. Alle hatten mir doch gesagt, dass ich zwischen Schorse Otte und Otto Busche meinen Platz bekam, und nun musste ich auf den letzten Platz. Ich verstand das alles nicht und im festen Vertrauen auf das, was mir die Mutter gesagt hatte, war ich nicht bereit, diesen Platz so hinzunehmen. Es gab ein Gerangel, denn keiner wollte weichen. Der Lehrer griff sogar ein und beorderte mich auf den zugewiesenen letzten Platz, wobei er mich heftig an den Ohren zog, sodass ich laut losbrüllte. An all diese Einzelheiten meines ersten Schultages kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich kenne sie im Wesentlichen wohl auch nur aus den Erzählungen der Mutter. Fest haften geblieben ist jedoch das Gerangel um die Plätze und daran, dass der Herr Stünkel garnicht so freundlich gewesen war, wie bei den Spaziergängen mit dem Vater. Ich soll an diesem ersten Schultag nicht strahlend, sondern weinend und tiefunglücklich von der Schule zurückgekommen sein. Es hat einer großen Überredungskunst und viel ermahnender Hinweise der Mutter bedurft, den Nachmittags-Unterricht zu besuchen. Auf diesem zweiten Schulgang hat sie mich dann begleitet und die Angelegenheit mit Herrn Stünkel soweit gerichtet, dass ich mir dem Alter nach zustehenden Platz einnehmen durfte. Wie bereits vorstehend angedeutet, hatten wir vor- und nachmittags Unterricht, lediglich am Mittwoch und am Sonnabend besuchten wir nur vormittags die Schule. Dem Schulwesen, wie es sich mir am ersten Tage dargeboten hatte, stand ich lange Zeit skeptisch gegenüber; besonders dem alten Herrn Stünkel habe ich nie mehr so richtig getraut. Das war aber auch allerhand, was da auf den Schulanfänger zukam. Mit den Leistungen muss es wohl in Ordnung gegangen sein, denn sehr bald hatte ich den ersten Platz in der Abteilung erobert und diesen auch, in etwa solange wie ich diese Schule besuchte, erfolgreich verteidigt. Einmal habe ich ihn deshalb verloren, weil während meiner Krankheit Schorse Otte, der den 2. Platz innehatte, wegen einer besonderen Leistung über den letzten des „Kleinen Lesebuches“ gesetzt war. „Hei hett ne ober deck esettet. Diu bist nur noch bei Dridde“, hatte mir bereits Otto Busche berichtet. Das hinzunehmen lag ganz und garnicht in meinem Sinne. Die Entscheidung des Lehrers nahm ich nicht zur Kenntnis und nach meiner Genesung nahm ich den ersten Platz ein und bugsierte den körperlich schwächeren Schorse auf den Nachgeordneten. Doch ich hatte nicht mit der Solidarität seiner Brüder August (14) und Heiten (12) gerechnet. Die griffen nun ein, nachdem sie sahen, dass der kleine Bruder sich nicht durchzusetzen vermochte. Es gab ein heftiges Gerangel, das durch Stockhiebe des Lehrers beendet wurde und das Fazit war, dass ich mit dem 3. Platz vorlieb nehmen musste. Daran änderte auch nicht das Berufen auf die Mutter, die mir wohl nur recht gegeben hatte, um mich zu trösten. „Deine Mutter hat hier garnichts zu sagen: hier bestimme ich“ und damit war die Sache für den Lehrer abgeschlossen. Ein anderer Fall war die Sache mit dem Ofen. Während der Kartoffelferien war der alte Kachelofen im Schulzimmer durch einen eisernen Rundofen – Fabrikat Germania – ersetzt worden. Bei irgendeiner Gelegenheit muss ich in dieser Zeit wohl die Mutter nach der Art des Schulofens gefragt haben. Diese, nichts wissend von der durch die Neuaufstellung bedingten Änderung, gab mir als Erklärung die Bezeichnung „Kachelofen“. Am ersten Schultag nach den Ferien hatte Herr Stünkel der ersten Abteilung den Ofen erklärt und die erforderliche Bedienung demonstriert. Die Abc-Schützen waren während dieser Zeit mit Rechenaufgaben beschäftigt. Auf seine Frage an die älteren Schüler, wie man diese Ofenart bezeichnete, meldete sich niemand. Doch ich wusste das und hob meinen Finger, um mein Wissen darin kundzutun. „Das ist ein Kachelofen“ war meine Aussage. „Und Du bist ein großer Dölmer. Was hast Du überhaupt damit zu tun? Du sollst doch rechnen, zeig mal Deine Tafel“. Da ich nun während dieses Disputs nicht weiter gerechnet hatte, bekam ich einen Verweis, eine Ohrfeige und eine Strafarbeit. Wie das nun weitergegangen ist, weiß ich nicht mehr genau. Allem Anschein nach muss ich mich wohl wieder unter Berufung auf die Mutter dagegen gewehrt haben. Jedenfalls erinnere ich mich im Zusammenhang damit an eine Prügelstrafe und daran, dass ich den Rest der Stunde in der Ecke stehend verbringen musste. Ich durfte auch nicht auf meinen Platz zurück. Als Sitzplatz wurde mir die Eselsbank zugewiesen, die ich mit dem Dümmsten der Schule teilen musste. Das war eine Schande, und ich habe allen Mut zusammen nehmen müssen, um der Mutter unter die Augen zu treten. Doch die wusste bereits Bescheid und das Schlimmste war jedoch, dass sie mir nicht beistand, sondern dem Lehrer und sogar die Ansicht vertrat, dass ich zu recht auf die Eselsbank gesetzt sei, da ich mich wie ein alter, störrischer Esel benommen habe. Über diese Einstellung der Mutter war ich völlig verstört. Sie hatte mir doch ausdrücklich gesagt, dass es sich bei dem Schulofen um einen „Kachelofen“ handele. Es gibt noch viele Geschichten aus diesen ersten beiden Jahren meines Schullebens zu berichten, die durchweg zu meinen Lasten gingen, doch ein Trauma haben sie nicht hinterlassen. Vielleicht schreibe ich sie einmal getrennt von diesem Bericht auf. Der Unterricht für die Schulanfänger begann in dem ersten Jahr im Sommer um 8 Uhr und im Winter um 9 Uhr. Von dem 2. Schuljahr an mussten auch wir bereits um 7 Uhr anwesend sein. An 4 Nachmittagen hatten wir von 14 bis 16 Uhr Unterricht. Im Herbst 1917 wurden dann die Nachmittagsstunden aufgehoben und der ausfallende Unterricht mit auf den Vormittag gelegt. Als Lehrstoff wurde uns zunächst das Lesen, Schreiben und Rechnen vermittelt, wobei nach dem ersten Jahr vor allem auf das Schönschreiben besonderer Wert gelegt wurde. Religion, die ab dem 2. Schuljahr im Lehrplan stand, wurde so weit ich mich erinnere im ersten Jahr nicht vermittelt, wenngleich jeder Schulbesuch mit einem Gebet begann und auch endete. Doch ab dem 2. Schuljahr war sie Hauptfach, und wir mussten viel auswendig lernen, vor allem Gesänge.

Die Volksschulen unterstanden zu dieser Zeit noch der Kirche und bei den zweimal im Jahr stattfindenden Inspektionen prüfte der Pastor aus Gehrden unser erlerntes Wissen und Können. Religiöse Fragen standen im Vordergrund der Prüfung. Alle übrigen Fächer wurden kaum behandelt. Doch wer bei dieser Inspektion versagte, der hatte nichts zu lachen. Die Strafen des Pastors waren gefürchtet; er hatte die üble Angewohnheit, die Prüflinge ans Kinn zu fassen und zu kneifen. Das sollte sehr schmerzhaft sein und hinterließ in einigen Fällen auch Spuren. Doch so sehr bei allen Mädchen und Jungen diese Inspektionen gefürchtet waren, so waren sie aber auch schnell wieder vergessen. Nach der Prüfung gab es schulfrei. Zuvor hatte der Pastor alle Kinder durch kleine Geschenke wie Malstifte, bunte Bildchen und ähnliche Dinge versöhnt. Auffällig soll es gewesen sein, dass gerade die, die von ihm besonders hartnäckig und eingehend vernommen waren, die schönsten Geschenke bekamen. Daneben besuchte auch der Kreisschulrat unsere Schule, soweit ich mich erinnern kann, nur einmal jährlich. Es fand auch keine Prüfung statt. Es sind wohl bei dieser Gelegenheit mit dem Lehrer nur disziplinarische Dinge behandelt worden. Jedenfalls konnten wir nach dem Erscheinen des Rates und nach einer kurzen Ansprache – er kam zu meiner Zeit mit dem Zug, der um 7.30 Uhr in Lemmie eintraf – sofort nach Hause gehen und brauchten auch nachmittags nicht in den Unterricht. Während meines zweiten Schuljahres schied Herr Stünkel aus dem Lehrdienst. Er starb im nachfolgenden Jahr, nahezu 70jährig und fand auf dem Lemmier Friedhof seine letzte Ruhestätte. Über 40 Jahre hatte er in diesem Dorf unterrichtet und viele Jungen und Mädchen auf das Leben vorbereitet. Leider fand ich bei meinem letzten Besuch in Lemmie seine Grabstätte nicht mehr. Sein Nachfolger war zunächst Herr Schmidt, der die Volksschule in Sorsum leitete, der er auch weiterhin vorstand. Deshalb hatten wir für eine Übergangszeit, die sich aber auf mehrere Monate erstreckte, nur an drei Tagen in der Woche Unterricht. Das war eine schöne Zeit, aber leider nur vorübergehend. Nach den Herbstferien bekamen wir mit Herrn Oelke einen jungen Lehrer, der in Hannover beheimatet war und als Soldat bei Kampfhandlungen eine Verwundung erlitten hatte. Bis zur vollständigen Gesundung war er vom Militärdienst freigestellt. Diesem Lehrer war ich von der ersten Unterrichtsstunde an mit Haut und Haaren verfallen; auch er hatte mich gern. Herr Oelke war es auch, der meiner Mutter den Rat gab, mich auf eine weiterführende Schule zu schicken. Leider wurde er nach etwa eineinhalb Jahren nach Salzhemmendorf versetzt, sodass er sich um mich nicht weiter kümmern konnte. Mit seinem Nachfolger, Herrn Knoop, kam ich zwar ganz gut aus, doch eine enge und herzliche Gemeinschaft wie mit seinem Vorgänger ist es nie geworden. Aber auch er unterstützte die Mutter in ihrem Vorhaben, mir den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen. Seine Beurteilung hat jedenfalls dazu beigetragen, dass man meine Bewerbung um die Aufnahme berücksichtigte und mich für die Aufnahmeprüfung vormerkte. Gegen Ende des Jahres kam Herr Diekmann nach Lemmie, der bereits vor Jahren von der Lemmier Schuldeputation als Nachfolger des Herrn Stünkel gewählt worden war, wegen seiner militärischen Funktionen aber die Stelle nicht antreten konnte. Über meine schulischen Leistungen in dieser Zeit ist wenig zu sagen, da ich voll und ganz darauf eingestellt war, die Dorfschule zu verlassen. Der Besuch einer weiterführenden Schule durch Kinder aus dem mittleren Angestellten- bzw. Arbeiterstand war zu jener Zeit noch eine Seltenheit, zumindest bei uns auf dem Dorf. Vater war in seinem Unternehmen ein überaus bewährter Angestellter, der zwar nicht zu der Gruppe der leitenden Herren gehörte, durch die gute Dotierung seiner Bezüge über die ihm gleichgestellten Mitarbeiter um einiges herausragte. Dadurch gehörte er in der Gemeinde zu den gutsituierten Einwohnern und stand in der Steuerliste des Einkommens im Dorf weit oben. Das änderte aber nichts daran, dass er in der Hierarchie der Wohngemeinde zu den „lütjen Leuten“, also zu den Habenichtsen gerechnet wurde. Im politischen Bereich daher wenig und in der auf dem Grundbesitz basierenden Realgemeinde gar nichts mit zu bestimmen hatte. Da war es schon auffallend, dass einer aus dem Kreis der „lütjen Leute“ sich anschickte, seinen Sohn auf eine höhere Schule zu schicken. In den Städten mag das wohl zu jener Zeit schon etwas anders gewesen sein. Aus Erzählungen weiß ich aber, dass bei einer uns nahestehenden Familie aus Hannover, der Vater ein Feinmechaniker bei der weltbekannten Firma Berliner, sich nur „schweren Herzens“ – wie er es später meinem Vater gestand – entschließen konnte, seine Zustimmung zur Umschulung seines begabten Sohnes von der Bürgerschule zu der Oberrealschule zu geben. Nicht wegen der damit verbundenen Kosten, nein, weil es seiner Ansicht nach nicht angängig war, dass der Sohn eines lohnabhängigen Handwerkers mit den Söhnen der wohlhabenden Kreise auf einer Schulbank saß.

Doch ich bin von der Schilderung meines weiteren Ergehens abgewichen. Auf Empfehlung der Herren Oelke und Knoop meldete mich die Mutter zur Aufnahme in die Humboldtschule an. Es wurde im Dorf recht bald bekannt und liebe Nachbarn geizten nicht mit guten Ratschlägen. U.a. fühlte sich auch die Gastwirtin Dorothea Garben bemüßigt, meine Mutter darauf hinzuweisen, dass nicht einmal der neue Lehrer Diekmann seine Kinder auf die höhere Schule schicke – und damit sei doch erwiesen, dass man auf der Dorfschule genügend lernen könne. Man sieht daran, dass damals noch Anteil an den Dingen genommen wurde, die im Dorf vor sich gingen - nicht so wie heute - wo man die in der Straße wohnenden Nachbarn nicht kennt und sich auch keine Mühe macht, diese kennen zu lernen.

Im benachbarten Wennigsen bestand nun eine Privatschule, die unter Leitung von Frl. Kattentidt darauf eingerichtet war, die Schüler, die vor allem aus dem Kreis der begüterten Bauern kamen, auf die Aufnahmeprüfung für die höhere Schule vorzubereiten. Mutter trug sich auch mit dem Gedanken, mich für einige Zeit in die Obhut dieser Anstalt zu geben. Aus dem Kreis meiner Spielkameraden waren auch Walter Narten und Herbert Schlenkermann diesen Weg gegangen. Walter hatte die Prüfung nicht bestanden und war in die damals noch bestehende Vorschulklasse aufgenommen, und Herbert hatte wohl bestanden, doch das Herbstzeugnis war mit der Empfehlung den Eltern ausgehändigt, den Jungen von der Schule zu nehmen. Gar zu gern waren die Eltern bereit, die Schuld auf diesen Mißerfolg nicht bei dem Jungen zu suchen. Sie sahen ihn in der angeblich wenig guten Vorbereitung der Wennigser Privatschule.

Deshalb empfahl man der Mutter, von ihrem Plan mich zur Prüfungs-Vorbereitung nach Wennigsen zu schicken, Abstand zu nehmen. Die Eheleute Schlenkermann hatten ihren Sohn Herbert in eine hannoversche Privatschule umgeschult. Sie waren damit der im Herbstzeugnis gegebenen Empfehlung gefolgt und hofften nun in „Meyers Institut“ eine Lehranstalt gefunden zu haben, in der ihrem Sohn so viel an Grundwissen vermittelt werden konnte, um dann in einiger Zeit mit Erfolg eine öffentliche höhere Schule zu besuchen. Die gute Frau Schlenkermann hat meiner Mutter so zugesetzt und ihr glauben gemacht, dass nur eine intensive Vorbereitung auf die Prüfung in der erwähnten Anstalt den erwarteten Erfolg garantiere. Mutter meldete mich also für einen entsprechenden Kursus dort an, und ich fuhr nach den Herbstferien 4 x wöchentlich um fünfzehn Uhr dreißig mit dem Zug nach Hannover, um durch Herrn Rektor Kurth und den Herren Oberlehrern Pfeifer und Voss mit dem Wissen ausgerüstet zu werden, was zu der Aufnahmeprüfung und dem weiteren erfolgreichen Besuch einer höheren Schule erforderlich war.

Vorweg gesagt: Es war keine gute Empfehlung, die man Mutter gegeben hatte.

Das war im Oktober 1918.

Doch im Zusammenhang damit muss ich noch eine Begebenheit erzählen, die für mich einschneidende Folgen hatte. An einem dieser Novemberabende – mein Zug fuhr um 19.04 Uhr vom Hauptbahnhof ab – es war bereits dunkel zu dieser Zeit – hatte August Narten aus Bönnigsen einige Sachen im Tunnel bereitgestellt und uns dahin beordert, für den Abtransport in den Zug zu sorgen. Ich trug damals eine Loden-Pelerine und bekam 2 MG-Kästen in die Hände gedrückt, die unter der Pelerine nicht zu sehen waren. Es ging auch alles gut, doch auf dem Bahnsteig stand ich plötzlich meinem Vater gegenüber, der an diesem Tag in Hannover zu tun gehabt hatte. Er entdeckte sofort, dass ich mich mit etwas abschleppte und schlug die Pelerine zurück. Ohne weitere Worte nahm er mir die Kästen ab, übergab sie einem auf dem Bahnsteig patrouillierenden Posten. Es wurde zunächst darüber nicht gesprochen; auf dem Heimweg habe ich Blut geschwitzt und zu Haus bekam ich dann die mir zustehende Epistel.  Dann setzte er sich an den Tisch, schrieb einen Brief an den „Auti“ Meyer und meldete mich bei dem Institut ab. Die Mutter wurde informiert, und ich durfte nicht mehr nach Hannover fahren.

Ich ging also weiterhin nur in Lemmie zur Schule, wo Herr Diekmann inzwischen das Zepter ergriffen hatte und bereitete mich so gut es ging unter dem besonderen Druck der lieben Mutter auf die Prüfung vor. Mitte Januar erhielten dann die Eltern die schriftliche Aufforderung, mich am 10. Februar 1919 mit den erforderlichen Schreibheften und Utensilien zur Aufnahmeprüfung zu schicken. Spätestens 7.40 Uhr sollte ich mich bei dem Schulvogt Kalender melden, der die Prüflinge dann einweisen würde.

Ich sah der Sache, die da auf mich zukommen würde, ruhig und gelassen entgegen. Mutter, die es sich nicht nehmen lassen wollte, mir auf diesem Wege das Geleit zu geben, war aufgeregt bis in die Haarspitzen. Die Eltern entschlossen sich bereits den Zug zu nehmen, der um 6.09 Uhr den Haltepunkt Lemmie verlassen sollte, um ja rechtzeitig um 7.45 Uhr in der Schule zu sein. Das Risiko eines Zuspätkommens wollte man nicht eingehen. – Mutter und ich machten uns also am nächsten Morgen so gegen 6 Uhr auf den Weg. Es hatte geschneit, und es war nasskalt. Auf der Haltestelle wurde unsere Hoffnung auf eine gute und schnelle Fahrt zunichte gemacht. Der Bahnwärter Rieckmann erklärte uns, dass die Eisenbahnbeamten streikten und demnach würde auch kein Zug nach Hannover fahren. Das war ein Schlag. Nach einigen Überlegungen kam Mutter zu dem Entschluss, zu Fuß in das etwa ¾ Stunden entfernte Gehrden zu gehen, um mit der Straßenbahnlinie 10 doch noch möglichst pünktlich zur Prüfung einzutreffen. Zum Glück trafen wir unterwegs im Dorf den Milchmann Sander, dem wir unser Missgeschick schilderten. Der bot uns an, mit ihm zu fahren. „Wenn eck up die Zossen slae, dann sind we gegen Klocke achte am Deisterplatz und van da is et ja nicht mehr weit. Die Stratenbahn in Giren um Klocke seben packet sei nicht mehr“. Das überzeugte Mutter, und wir stiegen in den gegen Wind und Regen geschützten Fahrerkasten, in dem es aber doch empfindlich kalt war. Herr Sander ist zügig gefahren, aber der Zeiger der Hanomag-Uhr stand schon auf 5 Minuten nach 8 Uhr. Vom Deisterplatz sind wir dann im Eilmarsch über Posthornstraße, Lindener Markt in die Beethovenstraße geeilt. Der Unterricht musste wohl bereits vor einer halben Stunde begonnen haben. Der Schulvogt schob mich doch noch in die Prüfungsklasse zu Frl. Crome-Schwiening. Aus dem Palaver der beiden entnahm ich, dass die Lehrerin es ablehnte, mich an der Prüfung noch teilnehmen zu lassen und wohl nur unter Vorbehalt ihr Einverständnis gab.

Von meiner Ruhe und Gelassenheit war nicht viel übrig geblieben. Die Fahrt in dem kalten Wagen und der Eilmarsch zur Schule, dazu noch die unfreundliche Haltung der Lehrerin, hatten meinem Selbstvertrauen einen gehörigen Knacks gegeben. Es wurde ein Diktat geschrieben, das bereits zur Hälfte angesagt war. Dieser Teil musste von mir schnellstens nachgeholt werden. Dabei hat es ein ziemliches Durcheinander gegeben. Die Arbeit habe ich gründlich verhauen – 22 Fehler wurden mir auf drei Schreibseiten angekreidet und damit ein völliges „Ungenügend“. Der anschließende Kleinaufsatz, den ich in der 5 Minuten-Pause noch abfasste, entsprach ebenfalls nicht den Anforderungen. Auch die nachfolgenden Rechenaufgaben brachten nicht das erhoffte Ergebnis, wenngleich die Beurteilung wesentlich besser als bei dem Diktat war. Verärgert war ich vor allem im Nachhinein noch über die Unterstellung der Lehrerin, dass ich bei den Teilungsaufgaben abgeschrieben haben sollte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Aufgaben dieser Art von 10-jährigen im Kopf gelöst wurden. Wegen des Fehlens des schriftlichen Ermittlungsnachweises wurden die von mir notierten richtigen Lösungen nicht anerkannt. Die Benotung für die Arbeit war ein „Genügend“; sie hätte meiner Ansicht nach ein „Gut“ verdient, denn alle übrigen Ergebnisse waren richtig.

Die Beurteilung lautete „Nicht bestanden“; es war niederschmetternd. Vor allem für die Mutter, die sich so dafür eingesetzt und bemüht hatte, mir den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen. Aber auch mich hatte dieses Versagen bei der Prüfung tief getroffen.

Auf dem Hauptbahnhof erkundigten wir uns nach Rückfahrmöglichkeiten, da wir gehört hatten, dass nur noch die Züge der Fernstrecken bestreikt wurden. Dabei lief uns Herr Oelke über den Weg, der wegen der Verkehrsstörung auch nicht nach Salzhemmendorf hatte zurückfahren können. Strahlend kam er auf uns zu, um zu gratulieren, denn er wusste von mir den Prüfungstermin. Ach, hat die gute Mutter dann dem lieben Herrn Oelke gegenüber Dampf abgelassen, und ich glaube, für den ganzen Desaster ihm die Schuld in die Schuhe geschoben. Herr Oelke war es ja gewesen, der der Mutter diesen Floh ins Ohr gesetzt hatte, mir den Zugang zu einer weiterführenden Schule zu ermöglichen.

Wir sind dann in ein kleines Lokal unten in der Schillerstraße gegangen, und dort musste ich dem Lehrer den ganzen Prüfungshergang schildern. Von dem so beschämenden Diktat habe ich wohl wenig sagen wollen, doch dass bei den Rechenaufgaben man mich beschuldigte, abgeschrieben zu haben, das hat auch ihn überzeugt, dass die Prüfung – soweit es meine Person betraf – nicht regulär verlaufen war. Er versuchte Mutter zu überreden, dagegen Einspruch zu erheben. Doch davon wollte diese nun nichts wissen. Nach dem Fehlschlag bei „Meyers Institut“ und nach dem negativen Ausgang der Prüfung hatte sie ihre Hoffnung aufgegeben, ihrem Sohn den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen. Sie hatte sich aber nach diesem Gespräch weitestgehend beruhigt und sah nun dem, was auf sie zukommen würde, gefasst entgegen. Auch ich hatte nach dem Zusammensein mit dem geschätzten Lehrer wieder Oberwasser. In den späten Mittagsstunden fuhr wieder ein Zug zum Deister, aber mit jedem Kilometer, dem wir Lemmie nun näher kamen, schwand das gerade wieder gefasste Selbstvertrauen. Was sollte ich im Dorf meinen Schulkameraden, den Einwohnern und vor allem meinem Vater sagen, der mir so fest vertraute? Ich kam ja nun ohne die bereits angekündigte neue Klassenmütze. Da sah ich sie aber auch schon an der Schranke stehen: Schorse, Krischan und Otto. Und von weitem hörte ich: „Hei is dörefallen, hei hat keine niege Mütze“. Sie stoben davon ins Dorf, um all und jedermann von meiner Niederlage zu erzählen. Ich stand vor einem KO, und Mutter musste das wohl gemerkt haben. Sie nahm mich an die Hand – was ich sonst garnicht so gern hatte – und wir gingen nicht durch das Dorf, sondern auf einem Nebenweg über Hischen Hof nach Haus, und dann fiel ich in einen Weinkrampf, woraufhin man mich ins Bett packte.

Vor der Begegnung mit dem Vater hatte ich eigenartiger Weise wenig Sorge; ich wusste, dass er zwar sehr streng sein konnte, aber auch verständnisvoll. Er wird wohl auch ein wenig enttäuscht gewesen sein, doch er zeigte es mir gegenüber nicht. „Dann bleibt er eben hier in Lemmie, sieht zu, dass er viel lernt und dann kann er nach einer Lehre auch noch Ingenieur werden“. So oder ähnlich hat der Kommentar des Vaters sicherlich gelautet. Ich wusste ja, dass es sein Lieblingswunsch war, mich eines Tages in einem Betrieb als Meister oder gar als Ingenieur zu sehen.

Am anderen Morgen ging es nun wieder in die dörfliche Volksschule. Herr Diekmann, der von der Mutter bereits informiert war, überging die Sache ganz; er hatte Verständnis für meine Situation, denn vor Jahren hatte er ähnliches mit seinem Sohne Fritz erlebt. Die Hänseleien und Sticheleien meiner Mitschüler musste ich wohl ertragen, doch das war nur vorübergehend.

Wenige Tage später kam ein Brief von der Humboldtschule und der brachte nicht die Bestätigung meines Versagens, sondern die Aufforderung, erneut an einer Prüfung teilzunehmen. Ein am Nachmittag eintreffender Brief des Herrn Oelke brachte uns die Erklärung für diesen Sinnesumschwung. Er hatte festgestellt, dass wegen des Eisenbahnstreiks viele Kinder aus dem Landkreis an der Prüfung nicht hatten teilnehmen können. Es wurde für diesen Teil der Aspiranten ein neuer Termin angesetzt und mir war gestattet, noch einmal mein Können zu zeigen. Ohne Wissen der Eltern hat Herr Oelke das erreicht.

Ich war froh darüber, aber Vater und ich hatten nicht mit dem Widerstand der Mutter gerechnet. Sie lehnte es kurzweg ab, mich noch einmal einer solchen Tortur auszusetzen unter der Fuchtel eines herzlosen Weibes. In ihr hatte sich die fixe Idee festgesetzt, dass allein das wenig freundliche Verhalten der Lehrerin zu meinem Versagen beigetragen habe, womit sie auch meiner Ansicht nach garnicht so unrecht hatte.

Aber nun wollte Vater es wissen.

Vater nahm nun die Sache in die Hand. Er brachte mich zur Beethovenstraße, sprach mir noch etwas Mut zu und verschwand mit dem Gemurmel, dass er noch einiges in der Stadt zu erledigen habe. Nach der Prüfung wollte er mich bei dem Gastwirt Lüdecke im „Halben Mond“ am Schwarzen Bären erwarten.

Ganz so ruhig und selbstbewusst wie bei meinem ersten Gang zur Prüfung war ich diesmal nicht; ich hatte ja meine Erfahrungen bereits gemacht. Herr Kalender rief uns auf und führte uns in den Klassenraum. Es war ein anderer Raum. Prüfungslehrer war nicht Frl. Crome-Schwiening, vor der ich den größten Bammel hatte, und mir wurde viel wohler als Herr Gewecke uns von Prof. Greef vorgestellt wurde.

„Matz“ Gewecke, wie er allgemein genannt wurde, hatte zwar ein grimmiges Aussehen, doch im Grunde war er umgänglich. Ich habe ihn in den drei Jahren der Unterstufe in verschiedenen Fächern als Lehrer gehabt und bin gut mit ihm ausgekommen. Die Prüfung lief auch ganz anders an. Erst ließ er sich von jedem berichten, woher man kam und was man bislang gemacht hatte. Er fragte nach den Eltern und nach den Verhältnissen an unserem Wohnort. Da war die Anspannung und die Furcht bei den meisten schon heraus. Wir waren auch nur eine kleine und überschaubare Schar von 12 – 15 Prüflingen. Dem nachfolgenden Diktat konnte ich gut folgen und der kurze Aufsatz, der ein anderes Thema hatte, wurde von mir mit gutem Gefühl abgegeben. Auch die Rechenaufgaben waren so gestellt, wie sie in unserem Lehrbuch „Krancke“ standen. Kurz und gut, ich hatte bestanden.

Zum „Halben Mond“ laufen, war wohl mein vordringliches Anliegen nach der Bekanntgabe des Prüfungsergebnisses, um dem Vater die Aufnahmebestätigung für die „Sexta A“ auszuhändigen. Und ich glaube, dass auch er von dem so gut ausgegangenen Unternehmen erleichtert war, denn so 100 % war er der Sache auch wohl nicht sicher gewesen. Zur Belohnung bekam ich eine Flasche Brause und dann drängte ich darauf, die bereits von Mutter bei dem Mützenmacher Bösche bestellte neue Klassenmütze mit dem silbernen Emblem „HS“ abzuholen. Dann ging es an die Heimfahrt. Vater stieg in Weetzen aus, um seine Arbeit auf dem Werk zu erledigen. Und in Lemmie standen sie wieder an der Bahnschranke: Schorse, Otto und Krischan, um sich mit mir über meinen Sieg zu freuen oder sofort im Ort die Nachricht von einer erneuten Niederlage zu melden.

Doch bei der Einfahrt sah ich aus dem Fenster und hatte dabei meine neue Mütze aufgesetzt. Da wussten auch sie es, die guten Lemmier Jungens, dass ich bestanden hatte. Keiner lief voraus, alle wollten wissen, wie es zu diesem Umschwung gekommen war. Es war ein Triumphzug durchs Dorf, und sie begleiteten mich bis ins Haus, wo es von der Mutter für alle etwas Gutes gab.

Selig war Mutter, denn sie war verzagt gewesen bei meinem Abschied am Morgen und hatte nicht mit einem guten Ausgang gerechnet. „Was wäre uns alles erspart worden, wenn die Eisenbahner nicht gestreikt hätten, und der Herr Gewecke dich gleich geprüft hätte?“, war ihr Resümee. Doch der Gedanke, dass letzten Endes Frl. Crome-Schwiening an meinem ersten Versagen die Schuld trage, war ihr nicht auszureden.

Nach den Osterferien 1919 war ich dann Schüler der Humboldtschule - einem Realgymnasium mit angegliederter Realschule.