Herbert HAUTAU, meine Schulzeit in Lemmie (von Ostern 1928 - 1936)

 

Ich wurde am 17.01.1922 in Lemmie als dritter von vier Söhnen geboren. Meine Eltern waren Wilhelm und Marie HAUTAU, geborene PAULMANN. Wir wohnten in der Deisterstraße 19 in Lemmie. Die Volksschule befand sich damals in der Bahnhofstraße neben dem Friedhof, wo jetzt das Mehrfamilienhaus der Kreissiedlung steht. Die etwa 30 Schüler wurden in einem Raum gemeinsam unterrichtet. Außer mir wurden 1928 noch folgende Schüler eingeschult: Wilma SANDER, Albert WEINBERG, Hermann EICKHOFF und mein Vetter Friedel HAUTAU. Im ersten Stockwerk befand sich auch die Lehrerwohnung, in der mein erster Klassenlehrer Herr August DICKMANN wohnte. Er war verheiratet und hatte drei Kinder.

 

Zur Lehrerwohnung gehörte ein großer Garten, in dem viele unterschiedliche Rosenarten angepflanzt waren; Herr DICKMANN war als Rosenzüchter bekannt. Der Lehrergarten reichte bis in den Bereich des heutigen Friedhofs hinein. Während das Betreten des Gartens für uns Schüler streng verboten war, erinnere ich mich daran, dass wir Schüler oft den Schweinestall ausmisten mussten, denn der Lehrer hielt auch einige Schweine.

Unser Klassenraum wurde im Winter von einem großen Kachelofen beheizt, den Herr DICKMANN vor dem Unterricht in Betrieb nahm. Der Lehrer saß vorne an einem erhöhten Pult neben der Tafel, während wir Schüler vor ihm auf den Bänken saßen. Jeweils fünf Schüler passten auf eine Bank. Die Schüler saßen jahrgangsmäßig auf einer Bank zusammen - vorne die jüngeren, hinten die älteren. Die Bank wurde vielseitig verwendet - Wir mussten uns auch gelegentlich darüberlegen und der Lehrer hat uns dann für unsere Missetaten mit dem Rohrstock bearbeitet. Der Lehrer zog uns an den Ohren oder wir mussten als Strafarbeit zusätzlich Lieder aus dem Gesangbuch abschreiben.

Zu Hause erzählte ich nichts davon, meine Eltern waren zu sehr mit dem Versorgen des Viehs (Kühe, Schweine, Hühner und Gänse) beschäftigt. Außerdem kümmerte sich meine Mutter um den großen Nutzgarten, in dem fast alles angebaut wurde, was wir zum täglichen Leben brauchten. Nach dem Schulunterricht mussten meine Brüder und ich unserem Vater bei der Arbeit auf dem Feld helfen.

Aber zurück zur Schule: Neben der Tafel hing eine Landkarte und eine Karte mit dem Alphabet. Wir Kinder hatten einen Tornister mit für alle Schulutensilien, unter anderem besaßen wir eine Fibel und später ein Rechenbuch. Zunächst schrieben wir mit einem Griffel auf einer Schiefertafel, Füllfederhalter gab es damals noch nicht. Wir besaßen später aber einen Federhalter, darauf schoben wir eine Feder und tunkten die Feder in ein Tintenfass. Der Lehrer benutzte weiße Kreide, die er schon mal auf unaufmerksame Schüler warf. Als Hausaufgaben mussten wir nachmittags oft Verse aus dem Gesangbuch abschreiben. Diktate und Rechenarbeiten haben wir regelmäßig geschrieben, wobei mir Rechnen besonders gut lag. Dies kam mir später auf der Handelsschule zugute, die ich nach dem Krieg besucht habe.

Unser Lehrer hatte viel Arbeit mit uns, er musste sich um alle kümmern. Die älteren Mädchen haben ihn oft bei seiner Arbeit unterstützt, indem sie mit den jüngeren Schülern den Unterrichtsstoff eingeübt haben.

Die Toiletten befanden sich außerhalb des Schulgebäudes und wir mussten bei jeder Witterung über den Schulhof laufen. Es handelte sich bei diesen Toiletten natürlich um Plumpsklos. In der Pause sind wir auf dem Schulhof geblieben oder sind auf den Turnplatz (schräg gegenüber vom heutigen Friedhof) gegangen. Dort befand sich ein Reck, welches wir zum Turnen nutzten. Nachmittags und in den Ferien haben wir im Schwimmbad, welches sich hinter dem Sportplatz befand, Schwimmen gelernt. Einmal in der Pause - die Fenster des Klassenraums waren geöffnet - ist eine Elster in unseren Klassenraum geflogen und hat die Landkarte, die neben der Tafel hing, zerfetzt. Wie wir später erfahren haben, war dies nicht der einzige Fall. Die Elster war in der Gegend bekannt dafür, in Häuser einzudringen.

Nach vier Jahren bekamen wir einen anderen Lehrer. Er hieß GARSUCH, wohnte aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger nicht in der Schule, sondern kam jeden Tag mit der Bahn aus Hannover. Während dieser Zeit stand die Lehrerwohnung leer und wir älteren Schüler sagten eines Tages zu unserem Lehrer: „Wir können nicht alle gemeinsam im Klassenraum lernen, es ist zu laut.“ Und so durften einige der älteren Schüler in die Lehrerwohnung und dort haben wir oft Quatsch gemacht.

Georg RAMLOW besorgte uns Äpfel aus dem großen Schulgarten, die wir mit großem Appetit verspeisten. Unsere lustige Runde ohne dauernde Kontrolle durch den Lehrer nahm aber plötzlich aus folgendem Grunde ein Ende: Vor unserem Schulgebäude befand sich eine Wasserpumpe. Dort bedienten sich die Leute aus der Nachbarschaft. So auch Nora KÖHNE. Eines Tages bei der Wasserentnahme wurde sie von den Apfelresten getroffen, die wir älteren Jungs regelmäßig aus dem Fenster der leerstehenden Lehrerwohnung warfen. Eine Beschwerde von Nora KÖHNE bei Lehrer GARSUCH führte dazu, dass die Lehrerwohnung fortan für uns tabu war.

Lehrer GARSUCH stattete einige musikinteressierte Schüler mit einer Mundharmonika aus, um uns das Spielen und Singen von Volksliedern näherzubringen, zum Beispiel „Muss i denn zum Städele hinaus“. Meine Mundharmonika besitze ich noch heute nach 85 Jahren. Wenn ich heute meinem zweijährigen Urenkel Theo Lieder vorspiele, tanzt er gern danach oder versucht auch selber zu spielen. Mittlerweile hat er aber auch eine eigene Mundharmonika, auf der er mich sehr gerne begleitet. Wahrscheinlich hat sich meine Musikalität über Generationen auf meinen Urenkel übertragen.

Lehrer GARSUCH konnte sich in der Klasse nicht durchsetzen und die Größeren spielten oft mit ihm Katz und Maus. Einmal sollte ich bestraft werden und mich über die Schulbank legen, um Prügel zu empfangen. Das ließ ich mir nicht gefallen und so habe ich seinen Rohrstock festgehalten. Daraufhin war er so fertig, dass er uns alle nach Hause schickte.

Jedes Jahr ging unser Schulausflug in den Deister - einmal fuhren wir sogar mit dem Zug nach Hameln. Wir standen auf der Brücke und haben die Weser gesehen, während unser Lehrer uns die Sage vom Rattenfänger von Hameln erzählt hat. Von einem unserer Ausflüge hat uns Bauer Ernst NOLTE, der Vater von Ernst August, von Weetzen aus nach Lemmie mit einem von einem Pferd gezogenen Federwagen abgeholt. Das Pferd wollte uns aber nicht nach Hause bringen. So viele laute Kinder auf einmal war es nicht gewohnt. Sonst wurde es nur als Arbeitspferd eingesetzt.

Unser dritter Lehrer hieß KRÜGER. Er bewohnte wieder die Lehrerwohnung und war sehr streng. Seine erste Amtshandlung bestand darin, dass wir älteren Schüler uns an der Tafel aufstellen mussten, um einige schmerzhafte Schläge mit dem Rohrstock aufs Hinterteil in Empfang zu nehmen. Er hatte nämlich erfahren, dass wir mit Lehrer GARSUCH machen konnten, was wir wollten und er beabsichtigte, gleich ein Zeichen zu setzen.

Wie wir bald herausfanden, hatte Lehrer Krüger auch menschliche Schwächen. Er ließ sich von unseren Mädchen gerne umgarnen. Immer wenn wir keine Lust zum Lernen hatten, wurde Herr Krüger von den Mädchen wie folgt aufgefordert: „Das Wetter ist herrlich, das Wetter ist schön, wir bitten Herrn Krüger mit uns auszugehen.“ Dieser Bitte kam Herr Krüger nur allzu gerne nach, bot sich doch für ihn dadurch gleichzeitig die Möglichkeit, auch seinen „Kater“ ausführen zu können.

Herr Krüger war Parteigenosse und wurde später Schulrektor in Laatzen. Wenn wir uns auch morgens in der Schule halbwegs brav verhalten haben, so haben wir in unserer Freizeit umso mehr Dummheiten gemacht. Ich erinnere mich, dass mein älterer Bruder Günter, Robert und Karl MAHLERT und ich für ein Feuer in der dicken alten Eiche verantwortlich waren. Diese stand genau gegenüber der jetzt zur Erinnerung neu angepflanzten Eiche nördlich des Ortsausganges von Lemmie. Es befindet sich dort auch noch eine Bank und eine Gedenktafel. In der hohlen alten Eiche wollten mein Bruder, unsere Freunde und ich spielen. Im Hohlraum befanden sich aber viele Spinnweben, die mein Bruder abbrennen wollte. Zur Unterstützung dieses Vorhabens hatten wir Petroleum mitgebracht, das wir von der Signalanlage vom Weetzener Bahnhof organisiert hatten. Erst am nächsten Morgen stellten wir fest, dass durch unsere Aktion die Eiche komplett Feuer gefangen hatte, der gesamte Baum glühte und brannte zum Schluss vollständig ab. Auch die in den Morgenstunden angerückte Feuerwehr konnte daran nichts mehr ändern.

Einige meiner Mitschüler haben nach vier Jahren die Schule gewechselt und sind zum Beispiel nach Ronnenberg zur Mittelschule gegangen. Ich hingegen blieb der Volksschule in Lemmie bis zum Schulabschluss 1936 treu, um anschließend in Hannover eine landwirtschaftliche Schule zu besuchen. Dies ist aber wiederum eine andere Geschichte.

 

Aufgeschrieben von Karin und Helmut Hautau,

nach Erzählungen von Herbert HAUTAU

im Juli 2016