Der Meineidsbauer

 

Vor alter Zeit, als die Felder der Dörfer durch die Verkoppelung noch nicht regelrecht geteilt und zusammengelegt wurden, waren die Grenzen der einzelnen Äcker krumm und schief. Wegen der Ackergrenzen herrschten zwischen den einzelnen Ackernachbarn fast fort­während Zank und Streit. Diebische Bauern verrückten wohl gar nächtlicherweise die Grenze, indem sie die Grenzsteine ausgruben. und zu ihrem Vorteil anders hinsetzten.

 

Solch ein betrügerischer Bauer lebte einmal in Redderse; er hatte in finsterer Nacht die Grenzsteine verrückt. Sein Nachbar bemerkte dies sofort und verklagte ihn deshalb beim Gericht. Da schwur er einen Eid, dass er die Steine
nicht verrückt habe, und gewann auf diese Weise den Prozess und einen Streifen Landes. Aber er hatte falsch geschworen, und als er nicht lange danach starb, fand er im Grabe keine Ruhe, und zur Strafe musste er in jeder Nacht zwischen zwölf und ein Uhr an der Stelle, wo er die Grenze verrückte, den Grenzstein tragen und dabei fortwährend ausrufen: "Wo lat eck düssen Stein?"

 

Viele, viele Jahre hatte er hier zur Strafe des Nachts gewandelt, und die Bewohner der Umgegend gingen nicht gerne während der Mittemacht durch
dieses Feld, denn allemal tönte ihnen das schauerliche "Wo lat eck düssen Stein?" entgegen.

Nun lebte in diesen Tagen im Dorf Lemmie ein Bauer mit Namen Garbe; von den Dorfbewohnern wurde er zum Unterschiede von anderen seines Namens gewöhnlich "Stewelgarm" genannt. Er war ein rechtlicher Mann und kannte deshalb keine Furcht. An einem trüben Novembertage ging er nach Redderse, um dort eine Kuh zu kaufen. Der Handel wurde im Wirtshaus geschlossen, und gegen Mitternacht begab sich Garbe auf den Heimweg.

 

Als er in stockfinsterer Nacht durch die "Miusebeke" ging, tönte ihm fortwährend das "Wo lat eck düssen Stein?" des Meineidsbauern entgegen. Furchtlos hörte er dies eine Weile an. Zuletzt wurde es dem Calenberger zu viel; ärgerlich rief er. "Wat bölkest Diu denn heör jümmer herümme? Bring en doch wehr hen, so Diu en herekregen hest!"

Bum, fiel ein schwerer Stein vor ihm nieder und schlug tief in die Erde. Der Meineidsbauer aber rief ihm nach: "Dat härst Diu meck schöllt vor 100 Jahren eseggt habben, denn härre eck eier Riuhe und Frehe hat!"

 

(nach einer Erzählung des Lehrers Garbe aus Redderse)

Quelle: Gehrden ist eine sagenhafte Stadt v. Helga Görsmann