Erläuterung
der geologischen Verhältnisse der Umgebung von Lemmie.

(Erstellt 7. März 1922 v. Dr. Ebert, Berlin, vorgetragen beim HV-Lemmie 1997 von Wilhelm-Hattorf v. Ditfurth)

 

Die Messtischblätter G e h r d e n und S p r i n g e liegen im Übergangsgebiete der nordwestdeutschen Mittelgebirge zum norddeutschen Flachland. Dieser Übergangszone eigentümlich ist das inselartige Herausragen älterer Gebirgsschichten aus dem Diluvialmantel der Ebene. Eine derartige „geologische Insel" bildet der Kreidewall der Gehrdener Berge, der sich von Gehrden bis Lemmie zieht. Dieser langgestreckte Höhenzug verdankt seine Entstehung dem Ausstreichen von harten Kalken und weichen Mergeln der oberen Kreideformation.

Wie aus dem beigegebenen Quer-Profil ersichtlich ist, bilden die Kalke und Mergel das Ausgehende einer flachen Mulde, deren Inneres vollständig mit Diluvium erfüllt ist, während der Ostschenkel von einer Verwerfung des Benther Salzhorstgebietes abgeschnitten wird. Das waldlose Gebiet des Kniggenberges eignet eich besonders gut, um sich ein Bild über den geologischen Aufbau der Berge zu machen, weniger durch die Aufschlüsse als durch den Wechsel der harten und weichen Gesteinsbänke der Unter- und Oberkreide.

Die Schichten fallen gleichmässig unter 12o nach Osten ein. Die Unterkreide wird vom Neokom gebildet und besteht aus splittrig brechenden zum Teil plastischen Schiefertonen. Vertreten sind nach Fr. Schöndorf die Unterstufen des Aptien und Barremien. An der Oberfläche anstehend erscheint der Ton nirgends. Er erfüllt unter dem Diluvium die ganze Senke westlich des Gehrdener Höhenrückens. Da wo er mit dem 2m-Bohrer erreicht werden konnte, wurde er unter dem Löss auf der Karte besonders ausgeschieden.

Die erste deutliche Terrainkante wird von einer Kalkbank gebildet, die dem Emscher (co3) angehört. Die zwischen dem Ton und den Emscherbildungen fehlenden Glieder des Gault, Cenoman und Turon waren ehedem vorhanden sind aber während eine Festlandsperiode abgetragen worden, sodass der Emscher direkt auf Neokom zu liegen kam.

Der etwa 10m mächtige Emscher besteht von unten nach oben aus folgenden 3 Bildungen: 1. Dem Brauneisensteinkonglomerat, das den tiefsten Lagen des Konglomerates von Ilsede entspricht, 2. der Bryozoenbreccie, einem mürben feinporigen Kalk aus zahllosen Schalentrümmern von Muscheln, Bryozoenskeletten, Seelilien und Seeigelstacheln und 3. aus einem glaukonitischen festen grauen Kalk.

Darüber folgt noch 20m Granulatensenon mit dem liegenden Marsupitenmergel und den hangenden festen grauen Kalken. Der sogenannte Marsupitenmergel ist ein mürber Sandmergel, der nicht zu Tage tritt, sondern immer von Diluvialbildungen überdeckt wird. Der zweite Steilhang wird von festeren Bänken im Marsupitenmergel gebildet, sodass
dieser Mergel eigentlich zwei Geländestufen verursacht. Der Mergel hat seinen Namen nach einer sich darin findenden Seelilie: Marsupites ornatus.
Die letzte Geländestufe wird von einem grauen harten Kalk gebildet. Aus ihm besteht der eigentliche Rücken der Gehrdener Berge.

Der eigentümliche terrassenförmige Aufbau der Westseite des Höhenzuges wird also durch den Wechsel von weichen und harten Gesteinsgliedern hervorgerufen, indem die leicht verwitterbaren Mergel trogartig herausgewaschen wurden, und dadurch die härteren Kalkbänke allmählich immer schärfer hervortraten. Am Diluvium beteiligen sich in erster Linie Löss und Geschiebemergel. Untergeordnet treten Diluvialsande und Kiese auf. Die weitaus vorherrschende Oberflächen-Bodenart der Ebene ist heute der Löss. Charakteristisch für ihn ist die gleichmässige sehr feine Beschaffenheit aus feinstem Quarzstaub mit etwas Tongehalt. Der als wesentlicher Gemengteil vorhandene und gleichmässig verteilte Kalkgehalt findet sich heute nur noch in den tieferen Bodenzonen. Man kann demnach nur von einem verwitterten und entkalkten Löss oder kurz von einem Lösslehm reden. Er hat im Allgemeinen eine hellbraune Farbe. Der Geschiebemergel gehört der zweiten Eiszeit an und hat eine bläulich graue Farbe und eine sandige oder sandig tonige Beschaffenheit. Ihm sind Geschiebe von verschiedener
Grösse beigemengt, die vielfach durch, den Pflug verstreut an der Oberfläche liegen.



Südöstlich Sorsum findet sich ein Vorkommen von massenhaften typischen Flusschottern, die den Rest einer diluvialen Terrasse bilden. Die Diluvialfläche geht im Allgemeinen unmerklich in den Wiesenboden über. Die Ursache ist wohl die, dass es sich hier nicht um einen rein alluvialen (angeschwemmten) Boden handelt, sondern um einen ganz normalen Diluvialboden, der durch die Wiesenkultur ein alluviales Gepräge erhalten hat. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Wiesen-(Aue)löss eine schlickartige Beschaffenheit hat. Ihm sind durch die Wiesenkultur Humusstoffe zugeführt worden. Offenbar waren in der Geschiebemergellandschaft tiefe Täler vorhanden, die der Löss nahezu eingeebnet hat. Der Grundwasserstrom zirkuliert dagegen heute noch in den alten Betten und ermöglichte hier wegen des hohen Standes die Wiesenkulturen. Neben diesen, während des Diluviums veränderten Diluvialböden finden sich relativ wenige echte
alluviale Ablagerungen.