Lemmie

Bahnstation Lemmie / Haltepunkt Lemmie

Bahnstation Lemmie. ( Haltepunkt Lemmie )

 

Was nützt eine Eisenbahn ohne Bahnhof? Seit 1872 war die Eisenbahnlinie von Weetzen nach Barsinghausen in Betrieb, aber die Lemmier - unmittelbar an der Strecke gelegen - hatten nach 30 Jahren des Bestehens der Bahnlinie weder die Möglichkeit  in den Zug ein und auszusteigen, noch die Güter des täglichen Bedarfs in den Zügen transportieren zu lassen. Insbesondere die Landwirte waren sehr daran interessiert ihre Milch mit dem Zug nach Hannover zu bringen. Auf Drängen der Lemmier Gemeinde - wie angenommen wird - schreibt mit Datum vom 16. September 1902 der Landrat des Landkreises Linden an die Königl. Eisenbahn - Direktion in Hannover : „ Zwischen den Stationen Weetzen und Wennigsen schneidet die Landstraße Lemmie - Sorsum unmittelbar an der geschlossenen Ortschaft Lemmie, und nur ungefähr 600 Meter von der Ortschaft Sorsum entfernt. Beide Ortschaften wünschen dringend die Einrichtung einer Haltestelle, welcher der gesamte Personen und Güterverkehr derselben nach beiden Richtungen zufallen würde. Lemmie hat zur Zeit ungünstige Verkehrsverhältnisse. Seine Kunststraßenverbindung mit den beiden Stationen Weetzen und Wennigsen weist erhebliche Umwege auf. Während die Züge den Einwohnern beinahe an der Tür vorbei fahren, haben diese nach Weetzen drei,  nach Wennigsen 4,5 km zu fahren. Sorsum hat es nach Wennigsen etwas näher, nach Weetzen etwa ebenso weit. Besonders wertvoll wäre für sie der unmittelbare Anschluss an die Bahn dadurch, dass er den Landwirten die zur Zeit so gut wie abgeschnittene Möglichkeit gewähren würde, die Milch frisch nach Hannover zu transportieren. Beide Ortschaften sind zwar nur klein, Lemmie hat 286, Sorsum 257 Einwohner, aber wohlhabend, und würden einen verhältnismäßig hohen Verkehr aufweisen. Welches Interesse sie an der Sache nehmen, geht daraus hervor, dass sie den Grund und Boden unentgeltlich hergeben, die für die Ausschachtungsarbeiten erforderlichen Fuhren unentgeltlich leisten und eventuell auch einen baren Beitrag zu den Anlagekosten zahlen wollen. Hiernach bitte ich die Königl. Eisenbahn - Direktion das weitere behuf Einrichtung einer Haltestelle am Schnittpunkte der Bahn mit der Lemmie - Sorsumer Landstraße in die Wege leiten zu wollen.“

Der Anfang war gemacht, und die Königl. Eisenbahn - Direktion begann mit der Untersuchung (heute würde man „ Machbarkeitsstudie“ sagen) ob und wie ein Haltepunkt eingerichtet werden konnte. Man rechnete aus, dass die Mehreinnahmen aus Personen, Stückgut und Milchverkehr etwa 100 Mark im Monat ausmachten und die Interessenten die entstehenden Kosten von 3000 bis 4000 Mark bereit seien zu tragen. Es wurde auch noch einmal darauf hingewiesen, dass es den Landwirten hauptsächlich auf den Milchverkehr ankomme. Nach Prüfung dieser Sachlage hatte man gegen die Einrichtung eines Haltepunkt keine Bedenken.

Am 9. November 1902 tagte die Lemmier Gemeindeversammlung mit den Teilnehmern :

Landrat Geh. Regierungsrat von Ditfurth,

Vollmeier Daniel Garben,

Halbmeier Ernst Hische,

Halbmeier Heinrich Narten,

Halbmeier Ernst Hennies,

Halbmeier Friedrich Narten,

Halbmeier Friedrich Wissel,

Höfeling Heinrich Rehren,

Gastwirt Heinrich Garben,

Gastwirt Heinrich Rohde,

Beibauer Fritz Meine und Gemeindevorsteher Narten.

In der Versammlung erklärten der Landrat v. Ditfurth und der Hofbesitzer Hische, dass sie bereit seien den erforderlichen Grund und Boden für die Errichtung einer Personenhalte - stelle nördlich der Bahn, westlich der Kreisstraße Lemmie - Sorsum unentgeltlich und Lastenfrei abzugeben. Die Gemeindeversammlung beschloss Einstimmig : „ Wir sind bereit, die erforderlichen Fuhren und die Erdarbeiten unentgeltlich zu leisten und 2/3 der dann noch erforderlichen Kosten als unverzinslichen und nicht zurückzahlbaren Zuschuss zu zahlen.“

Dieser Beschluß wird gefasst, vorbehaltlich des von der Königl. Eisenbahn – Direktion vorzulegenden Planes und Kostenanschlages, welcher erbeten wird. Das sämtliche auf der Strecke verkehrenden Personenzüge nach Bedarf halten, wird für notwendig gehalten und Vorausgesetzt.“

Bahnstation Lemmie

Auch die Sorsumer Gemeindeversammlung tagte am 9. November 1902 und beschloß folgendes : „ Wir sind bereit ein Drittel der, nach Abzug der von der Gemeinde Lemmie beschlossenen Vorausleistungen verbleibenden baren Zuschüsse zu leisten, vorbehaltlich der von der Königl. Eisenbahn - Direktion vorzulegenden Pläne und Kostenanschläge, außerdem wird es erforderlich gehalten, das sämtliche auf der Strecke verkehrenden Personenzüge nach Bedarf halten.“ Nach diesen Beschlüssen der beiden Gemeinden ist zu ersehen, wie ernst und wichtig es ihnen war, ihre Güter - vor allen Dingen die Milch, der Personenverkehr kam erst an 2. Stelle -  mit der Bahn zu transportieren. Auf die Forderung der beiden Gemeinden an die Königl. Eisenbahn - Direktion : „ Das sämtliche auf der Strecke Weetzen - Haste verkehrenden Züge an dem zukünftigen Haltepunkte Lemmie halten sollen ist nach den Betriebsverhältnissen ausgeschlossen, und das nach Lage des jetzigen Fahrplanes

die Züge 550 ab Weetzen  10 Uhr 16

               551 ab Weetzen 9 Uhr 29  und

               556 ab Weetzen 2 Uhr 12

ein Anhalten an dem projektierten Haltepunkte nicht erfahren können,“ teilte diese dem Landrat mit und bat die Beteiligten zu verständigen.

Nachdem Anfang des Jahres 1903 die Lemmier und Sorsumer Gemeindeversammlungen wieder getagt hatten, war man mit den Einschränkungen des Haltens der Züge einverstanden, bat aber, die Züge 551 und 556 in Lemmie halten zu lassen. Nachdem auch der Landrat sich noch einmal eingeschaltet hatte, kam von der Königl. Eisenbahn – Direktion ein unnachgiebiges „ Nein“ zum halten von bestimmten Zügen am Haltepunkt Lemmie.

Die Herren Beamten der Königl. Eisenbahn - Direktion machten keine Zugeständnisse, da sie am längeren Hebel saßen. Am 5. April 1903 schreibt Herr von Ditfurth an die Königl. Eisenbahn - Direktion : „ Beide Ortschaften sind zwar nur klein, beide sind aber sehr wohlhabend und haben namentlich größere Milchtransporte nach Hannover, wodurch der Eisenbahnverwaltung eine Mehreinnahme erwachsen würde. Die Eisenbahnverwaltung bitten wir um Ermächtigung, dass den von den Gemeinden gemachten anerbieten der Einrichtung des Haltepunktes für den die Bezeichnung „ Lemmie“ in Vorschlag gebracht und Folge gegeben wird.“

Der“ Minister für öffentliche Arbeiten“ genehmigte am 30. Mai 1903 den Personenhaltepunkt „ Lemmie“ in km. 2.3 der Bahnstrecke Weetzen - Haste unter der Voraussetzung, das sich bei der Landespolizeilichen Prüfung Anstände nicht ergeben. Nachdem nun die Königl. Staatseisenbahnverwaltung einen Vertrag über die Errichtung eines Haltepunktes in der Gemarkung Lemmie aufgesetzt hatte, sah dieser Folgendes vor :

 

Vertrag

 

Zwischen der Königlich Preußischen Staatseisenbahnverwaltung, vertreten durch die Königliche Eisenbahn – Direktion zu Hannover und der Gemeinde Lemmie ist nachstehender Vertrag abgeschlossen.

 

§ 1.

Die Eisenbahnverwaltung wird in – km. 2,3 – der Strecke Weetzen – Haste an der Kreuzung

Der Landstraße Lemmie – Sorsum einen Haltepunkt für Personen, Stückgut und Milchverkehr einrichten.

 

§ 2.

Die Gemeinde Lemmie verpflichtet sich, den zu dieser Anlage erforderlichen Grund und Boden, soweit derselbe sich nicht bereits im Eigentum der Eisenbahnverwaltung, der Letzte zu überweisen so wie kostenfrei ohne Lasten und Schulden aufzulassen.

 

 § 3.

Die Gemeinde verpflichtet sich ferner zur Bestreitung der sämtlichen Anlage – und Einrichtungskosten, einschließlich der Zuwegung von der Landstraße nebst fünf Prozent Verwaltungskosten von denjenigen Beträgen, welche von der Eisenbahnverwaltung für die Ausführung der Bauarbeiten aufgewendet werden.

 

§ 4.

Im Falle der Aufhebung oder Verlegung des Haltepunktes gegen den Wunsch der Interessenten innerhalb der nächsten 10 Jahre vom Datum der Eröffnung des Haltepunktes an gerechnet, kann ein vom Herrn Minister der öffentlichen Arbeiten nach seinem Ermessenfestzusetzender Teil der zur Herstellung der Anlage geleisteten Barbetrages zurück erstattet werden. Die Rückzahlung des Betrages würde an die Gemeinde Lemmie zu erfolgen haben.

 

§ 5.

Die auf – 5200 Mark – ermittelten Ausführungs– und Einrichtungskosten einschließlich der Verwaltungskosten hat die Gemeinde vor dem Beginn der Arbeiten an die Eisenbahn Hauptkasse zu Hannover als Vorschuss kostenlos einzuzahlen. Der Gemeinde bleibt jedoch überlassen, die in besonderen Anschreiben näher bezeichneten Arbeiten und Leistungen im anschlagmäßigen Werte von rund – 2200 Mark – selbst ausführen zu lassen unter Übernahme der Haftverbindlichkeiten für die Güte und Ordnungsmäßig der Arbeiten nach den Angaben der Eisenbahnverwaltung. Zur Sicherung der letzteren ist auch der bezeichnete Teilbetrag der Gesamtkosten einzuzahlen. Dieser wird nach Abnahme der Arbeiten zurückerstattet.

 

§ 6.

Ob und welche Züge an dem Haltepunkt anhalten, bestimmt die Eisenbahnverwaltung nach freiem Ermessen.

 

§ 7.

Nach Fertigstellung sämtlicher Arbeiten und  Inbetriebnahme des neuen Haltepunktes wird die Abrechnung aufgestellt und das Ergebnis zwecks Begleichung der Gemeinde mitgeteilt werden. Betragen die wirklich aufgewendeten Kosten mehr als der eingezahlte Vorschuss, so hat die Gemeinde den Restbetrag nachzuzahlen. Betragen die Ausführungskosten weniger, so  erhält die Gemeinde den zuviel gezahlten Betrag zurück.

 

§ 8.

Die Stempelkosten zu diesem Vertrage werden von den Vertragsschließenden nach Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen getragen.

 

§ 9.

Dieser Vertrag ist zweimal ausgefertigt, von beiden Teilen unterschrieben und  jedem ein Exemplar ausgehändigt.

 

Hannover den 22. Juni 1904                                 Lemmie den 7. September !903

          Siegel                                                             Der Gemeindevorstand

Königliche Eisenbahn Direktion                                     gez. Rehren

            Gez. Weber                                                               Siegel

                                                                                 Die Beigeordneten

                                                                                        gez. Fr. Wissel

                                                                                        gez. H. Narten

 

                                         Genehmigt, Linden, den 09. September 1903

                                          Namens des Kreisausschusses der Vorsitzende

                                                          gez. Frhr. v. Zedlitz

                                                                    

                                                                  Siegel.

 

Nachdem die Gemeinden Sorsum und Lemmie diesen Vertrag zur Kenntnis genommen hatten, beschlossen die Gemeindeversammlungen folgendes : „ Der in doppelter Ausfertigung vorliegende Vertrag wegen Einrichtung einer Haltestelle in Lemmie wird unter der Voraussetzung genehmigt, das die Königl. Eisenbahn – Direktion die von der Gemeinde Sorsum gestellte Bedingung wegen des Haltens des Zuges 551 in Lemmie berücksichtigt. Das Halten des Zuges ist auch für die Gemeinde Lemmie wegen des Verkehrs nach Hannover von ausschlaggebender Bedeutung. Der Gemeindevorsteher( damals Heinrich Rehren ) und die Beigeordneten werden ermächtigt den Vertrag  durch Unterschrift abzuschließen. Von einer etwaigen, auf Grund des § 4 des Vertrages an die Gemeinde Lemmie erfolgten Rückzahlung eines Teils des Bauzuschusses soll ein Drittel der Gemeinde Sorsum zufallen.“ Der Minister der öffentlichen Arbeiten ließ sich auf nichts ein und schrieb dem Lindener Landrat am 14. Oktober 1903 : „ Die Königliche Eisenbahndirektion wolle in Gemäßheit der bestehenden Vorschriften die Übernahme irgend einer Verpflichtung wegen Gestaltung des Fahrplanes ablehnen.“ Zähneknirschend akzeptierten die Lemmier und Sorsumer diese Absage ihres wichtigsten Anliegens und genehmigten in ihren Sitzungen am 27. April und 2. Mai 1904 den vorliegenden Vertrag und die Lemmier baten die Königliche Eisenbahn – Direktion : „ Nunmehr die Anlage des Haltepunktes zu beschleunigen. Die nötigen Geldmittel sollen durch eine Anleihe herbeigeschafft werden.“ Nachdem die Lemmier von der Eisenbahn – Direktion aufgefordert waren  - 5200 Mark – Kostenvorschuss einzuzahlen, konnten die Arbeiten am zukünftigen Haltepunkt Lemmie beginnen.

 

Besonderer Dank gilt dem Herrn Landrat von Ditfurth der das Gelände für den Haltepunkt (für uns Lemmier war und ist es immer noch der „Bahnhof“)  kostenlos zur Verfügung stellte und wohl häufiger mit der Eisenbahn fuhr. Er hatte ein großes Interesse in Lemmie ein und auszusteigen, außerdem sagt man ihm nach, den Schaffner mit einigen Zigarren bestochen zu haben, wenn er mit dem Zug kam, und in Lemmie aussteigen wollte. Der Zug hielt dann in Lemmie kurz an, um Herrn von Ditfurth aussteigen zu lassen. Ein guter Brauch der Familie von Ditfurth war, dem Bahnwärter am Heiligabend einen „ Bunten Teller“ zu bringen und mit ihm einige Zeit zu klönen. Frau Roswitha von Ditfurth erzählt dass sie diese gute Tat von ihrer Schwiegermutter übernommen hätte, und bis zur Schließung des Haltepunktes den Bahnwärter in seiner Einsamkeit nicht vergessen hätte. Hoch zu loben ist auch die Lemmier Gemeindeversammlung ( mein Großvater mütterlicherseits war auch dabei ) die in ihrer Not – sie konnten die Milch ihrer Kühe ohne sie zur Molkerei in Hannover zu schaffen nicht verwerten - der Königlichen Eisenbahn – Direktion diesen Haltepunkt schenkten.

 

Am 27. Juni 1904 bestätigte der Regierungspräsident: „ Das gegen die Einrichtung eines Personenhaltepunktes bei Lemmie nach Maßgabe des hierneben zurückfolgenden, mit Prüfungsvermerk versehenden Lageplans sind in landespolizeilicher Beziehung nicht geltend zu machen.“ Mit den Arbeiten am zukünftigen Haltepunkt Lemmie wurde am 22. Juli 1904 begonnen und schritten so schnell fort, dass die Eisenbahn – Direktion Hameln – der wohl die Überwachung der Arbeiten am Haltepunkt Lemmie oblag – der Königl. Eisenbahn – Direktion Hannover am 5. Dezember 1904 mitteilte : „ Sie möge die Inbetriebnahme des Personenhaltepunktes Lemmie für den Personen-, Stückgut- und Milchverkehr zum 15. Dezember 1904 öffentlich bekannt machen.“

Dieser Haltepunkt bestand aus mehreren Gebäuden : Ein ausrangierter Güterwagen den man aufgebockt hatte und zur Aufnahme des Stückgutes diente, das Hauptgebäude mit Raum für den Bahnbeamten und Fahrkartenausgabe sowie den Warteraum für die Bahnreisenden, ein Schuppen für Geräte und Feuerung, und eine Toilettenanlage mit Pissoar und Plumsklosett. Den Lemmiern und den Sorsumern wird ein Stein vom Herzen gefallen sein, konnten sie doch nun bequem mit dem Zug reisen und die Landwirte ihre Milch nach Hannover transportieren. Auch der Stückgutverkehr bekam eine große Bedeutung, wurden doch mit der Bahn auch lebendes Vieh – Ziegen, Schweine und Ferkel – transportiert sowie viele Dinge des täglichen Bedarfs.

 

Der Haltepunkt Lemmie hat sich seitdem sehr verändert, denn die Deisterstrecke wurde Elektrifiziert und ihm Rahmen dieser Maßnahme die Gebäude abgerissen und durch einen scheußlichen Unterstellraum ersetzt. Die „ EXPO“ bescherte Lemmie und Sorsum das zweite Gleis und einen hochfeudalen Unterstand mit Fahrkartenautomat und Fahrkartenentwerter sowie Informationstafeln, doch bei schlechtem Wetter findet man darin keine Stelle die einen vor Wind und Regen schützt. So hoffen wir nun, das dieser Haltepunkt trotz aller Wiedrigkeiten den Lemmiern für immer erhalten bleiben möge.

 

Vortrag: Herman Fehlie, Lemmie , 2006