Lemmie

Rittergut

Der Garten des Rittergutes Lemmie


Von Wilhelm-Hattorfvon Ditfurth
(Auszug aus einem Vortrag zum Denkmalschutz von 1993)


Seit 1949 bin ich Eigentümer des kleinen Rittergutes Lemmie im Dorf Lemmie, das heute zur Stadt Gehrden (Landkreis Hannover) gehört. Das Hof- und Gartengrundstück umfasst 2,94 Hektar und steht insgesamt unter Denkmalschutz.



Die Geschichte des Gartens

Wann und von wem der ursprüngliche Garten des befreiten Meierhofes angelegt wurde, bleibt dunkel. Die Richtung der Garten-Hauptachse zeigt dorthin, wo früher das Schloss gestanden haben soll, von dem noch Kellergewölbe erhalten sind (jetziger Pferdestall). Als unsere Vorbesitzer ihren Wohnsitz von dort in ein Gebäude an anderer Stelle - an dem Platz des heutigen Gutshauses - verlegten, war diese Beziehung zum alten Garten verloren. Vielleicht waren es auch Käufer, die bei den Ruinen des alten Schlosses einen wohl auch verwahrlosten Garten vorfanden. Dem Grundriss nach kann es ein barocker Ziergarten gewesen sein. Nun lag dieser Teil des Gartens seitab zum neuer Wohnhaus. Was lag näher, als die rechteckigen Flächen umzupflügen und zum Nutzgarten zu machen, während südlich vom neuen Gutshaus ein neuer kleiner Ziergarten entstand. Dies sind nur Vermutungen, für die jedoch eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht.
Mein Urgroßvater, der Eigentümer 1852-1899, hat sehr genaue Zeichnungen hinterlassen, so dass belegt ist, wann und wo der Garten später von ihm erweitert worden ist. Die Pläne zeigen, dass der Garten im 19. Jahrhundert in großen Teilen Nutzgarten war; die Lemmier Äpfel waren berühmt und ließen sich gut verkaufen. Es gab viele hundert Meter Rabatten, gerade Wege in den Hauptachsen und kleine geschwungene Wege zum Lustwandeln. Im Randgürtel des Gartens wuchsen einige Ziergehölze. Hierüber sagen die Pläne wenig, während Obstbäume in einer Zeichnung von 1898 genau erfaßt und von 1 bis 472 durchnummeriert sind.
Schon 1852 waren zwei Aussichtshügel im Garten vorhanden, nämlich der Lindenberg nach Osten und der Berg mit der später gebauten Grotte in Form einer Turmruine beim jetzigen Ausblick "Amalienruh" nach Süden und Westen. Es gibt noch zwei weitere Grotten im Garten.

Mein dendrologisch interessierter Vater, der 1919 hier seinen Wohnsitz nahm, begann anstelle abgängiger Obstbäume interessante Parkbäume zu pflanzen. Er ließ im Süden und Westen die Gartenmauer mit dem Eckturm am "Eisenbahnberg", dem überdachten Tor zum Bahnhof mit Sitzbänkchen, und mit dem Ausblick "Amalienruh" errichten. Für den alten Nachbarn, den Urgroßvater des heutigen Besitzers, baute mein Vater einen Sitzplatz außen in die Südwestecke unserer Mauer.

Heute (1993) ist der Garten ein interessantes Arboretum mit einem Überbestand an alten und uralten Bäumen. Angesichts meines Alters möchte ich das schmerzliche Fällen alter Bäume der nächsten Generation überlassen. Der Pflegezustand des Gartens ist schwach, jedoch sind die alte Gliederung und die Gartenarchitektur sichtbar geblieben. Viele seltene Wildpflanzen haben sich im Garten erhalten. Die Fauna ist uns etwas zu wild: Kaninchen, Fuchs und Dachs würden wir gerne abgeben! Auch der Wildwuchs von Holunder und Brombeeren ist schwer zu bekämpfen.
Bei der Übernahme 1949 war der Garten trotz der damaligen Notlage erheblich besser gepflegt als heute. Ein Gärtner und eine Frau waren fest angestellt und weitere Kräfte arbeiteten stundenweise. Durch Obst-und Gemüseverkäufe sowie Kranzbinderei war früher gewinnbringend gewirtschaftet worden. Als ich das Gut übernahm, kostete die Pflege des Gartens jedoch bereits mehr als eingenommen werden konnte. So habe ich dem Gärtner sofort kündigen müssen. Er wohnte weiterhin auf dem Hof und half bei Bedarf stundenweise. Der Garten musste unseren damals großen Haushalt mit Obst und Gemüse versorgen, weil das Bargeld fehlte. In den folgenden Jahren stabilisierten sich zwar meine Finanzen, da jedoch die Löhne stiegen, wurden im Garten weitere Einsparungen erzwungen: Nach und nach gaben wir Staudenbeete, Steingärten und Blumenrabatten auf. Kleine Wege wurden eingeebnet und mit Gras eingesät, soweit sie entbehrlich waren, denn zum Lustwandeln hatte niemand mehr Zeit. Erst als meine Frau sich unter Mithilfe des damals noch vorhandenen Hauspersonals und von Stundenkräften um den Garten kümmern konnte, gab es wieder Verbesserungen, z.B. durch Anlage von weniger arbeitsintensiven Rosenbeeten. Um das Mähen brauchten wir uns damals nicht zu kümmern, denn es gab genug Interessenten, die Futter für ihr Vieh brauchten und dafür gratis mähten. So hatten wir natürlich keinen Parkrasen, sondern eine Wiese.

Nur wenn man einige Jahrzehnte überblickt, erkennt man die schleichenden, aber tiefgreifenden Veränderungen in unserer Kultur. Sie sind durch den extremen Anstieg der Löhne verursacht. Der Denkmalschützer sorgt sich dabei besonders um so lohnintensive Kulturgüter wie das Erhalten privater Parkanlagen und großer Privatwohnungen wie z.B. in alten Gutshäusern mit viel Platz für ererbten Hausrat, wo jeder Gegenstand in einem Netz von Beziehungen hängt. Sie sind auf längere Sicht äußerst gefährdet. Wollte man solche Dinge verkaufen, erhält man nur einen kleinen Bruchteil des Wertes, den sie für die eigene Familie haben. Die Erhaltung ist aufwendig. Auch als Nutzgarten sind private Parkanlagen nicht viel wert. Nur wer großes Interesse daran hat und gerne gut isst, wird noch etwas zur Selbstversorgung anpflanzen.



Ich freue mich, dass der Denkmalschutz sich jetzt der historischen Gärten annehmen will. Während die denkmalpflegerische Betreuung im Baubereich sehr gut war, blieb eine fachliche Beratung für den Garten bisher leider aus. Schön wären kleine Hilfsleistungen wie z.B. das Bestimmen aller Bäume, die man dann in einen Plan einzeichnen könnte. Meine Bitte wurde von selten der Denkmalpflege sehr freundlich aufgenommen und ein Einsatz von Studenten erwogen. Die Denkmalpflege könnte bei der historischen Erforschung der Gärten behilflich sein. Intensiveres Kennenlernen und aktive Beschäftigung mit dem Garten fördert sehr die Liebe zur eigenen Parkanlage. Ich habe das bei mir selbst erlebt.

 

In einem Garten wie dem unseren ist es zulässig, stellenweise Wildwuchs zu dulden. Das kann zu unerwarteten Freuden führen. So ist bei uns ein Buchsbaumwäldchen entstanden, dessen Äste und Sämlinge beliebte Geschenke sind. Wenn im Garten aus irgendwelchen Gründen ein Baum umfällt, wird dort gegebenenfalls nicht gemäht, damit der Baum für Nachwuchs sorgen kann. Vor Jahren ließen wir auf diese Weise ein Wäldchen Gymnocladus dioicus hochwachsen, und zur Zeit pflanzen wir Robinia viscosa. Ich warne davor, jeden Garten der Öffentlichkeit frei zugänglich zu machen. Die Verkehrssicherungspflicht zwingt dann den Eigentümer zu weitreichenden Maßnahmen bei der Befestigung der Wege und der Beseitigung gefahrdrohender Bäume. Mein Garten würde dadurch nicht nur uns als eigene Erholungsstätte verlorengehen, sondern auch einen ganz anderen Charakter bekommen und der biologische Wert ginge verloren. Gerade abgestorbene Bäume bieten vielen Arten Lebensraum. Wenn man statt dessen bei Bedarf Führungen für wirklich interessierte Leute macht, ist der Nutzen für die Öffentlichkeit sogar höher. Gefahren können vermieden und mehr und gezieltere Informationen gegeben werden. In den letzten Jahren waren es etwa vier Führungen jährlich, Einzelführungen nicht gerechnet. Ich habe den Eindruck, dass meine Führungen sehr gut ankommen, und dann macht es auch Spaß. Dem eigentlichen Sinn des Denkmalschutzes ist damit sicher am besten gedient, und dies liegt in unser aller Interesse.

 

Quellennachweis: Niedersächsisches Landesverwaltungsamt, Institut für Denkmalpflege, Arbeitsheft "Gartendenkmalpflege in Niedersachsen, Dokumentation des Kolloquiums 29./30.10.1993", Auszug aus dem Vortrag auf Seiten 62-64



Führung Oda v. Wedemeyer 2003